Totenstadt und Wohnsiedlung


Totenstadt und Wohnsiedlung
Totenstadt und Wohnsiedlung
 
Wie die meisten Völker des Altertums glaubten auch die Etrusker an ein Weiterleben nach dem Tod. Sichtbarste Zeugnisse dieser Vorstellungen sind die Grabbauten und die weitläufigen, Nekropolen genannten Friedhöfe: Wie eigene Totenstädte umgaben sie die Wohnsiedlungen und nahmen in der Regel mehr Raum ein als diese selbst. Dabei legten die führenden Familien Wert darauf, dass ihre Gräber durch Größe und exponierte Lage von der Wohnstadt aus zu sehen waren. Auf diese Weise blieben die Lebenden und die Toten räumlich und optisch miteinander verbunden.
 
Nach etruskischen Vorstellungen war das Grab eine Zwischenstation für die Seele des Verstorbenen auf dem Weg ins Jenseits. Zugleich war das Grab aber auch, ähnlich wie in Ägypten, der Ort, an dem für das Wohl des Toten geopfert und gebetet wurde. Um für die Jenseitsreise gerüstet zu sein und um im Jenseits ein würdiges Dasein führen zu können, wurden in den Gräbern für die Toten reiche Beigaben deponiert: neben Nahrungsmitteln prunkvolle Gefäße und Küchengeschirr, persönliche Prestigeobjekte wie Waffen oder bronzene Wagen und bei Frauenbestattungen Schmuck aus Edelmetall oder gravierte Spiegel. Viele Beigaben zeigen Spuren von Benutzung und beweisen, dass diese Gegenstände tatsächlich aus dem Privathaushalt der Verstorbenen stammen und nicht eigens für die Bestattung angefertigt wurden.
 
Besondere Sorgfalt wurde dem Grabbau gewidmet. Meist schon zu Lebzeiten errichtet, diente er in der Regel als Grabstätte für die Familie, das heißt neben den Eltern, dem Pater und der Mater familias, auch den unverheirateten Kindern sowie den zum Haushalt gehörenden Dienern und Sklaven. In den großen Grabanlagen der Spätzeit konnten auch mehrere Generationen einer Familie bestattet sein sowie Angehörige der Klientel, das heißt der für den Hausherrn tätigen und unter seinem Schutz stehenden Verwalter und Landarbeiter und deren Familien.
 
Ungewöhnlich reich und vielfältig sind die Formen der Gräber im Einzelnen: In der Frühzeit (7. und 6. Jahrhundert v. Chr.) sind es Maulwurfhügeln vergleichbare Grabhügel, die Tumuli, unter denen sich, in das weiche Tuffgestein eingehöhlt oder aus Steinblöcken errichtet, ein System von Grabkammern befindet. Besonders gut erhalten sind die Gräber in den Nekropolen von Cerveteri: Bis in Einzelheiten hinein ist hier das gleichzeitige etruskische Wohnhaus und seine Raumaufteilung nachgebildet, mit aufwendigen Dach- und Deckenkonstruktionen, Innentüren und Fenstern, Gesimsen, Totenbetten und zwei leeren Thronsitzen, die für den Grabstifter und seine Frau bestimmt waren. Darüber hinaus gibt es Altäre für Trankopfer und in einem Fall, dem »Grab der fünf Sitze«, sogar einen unterlebensgroßen Kultraum, in dem die Verstorbenen mit den als Statuetten nachgebildeten Vorfahren beim gemeinsamen Totenmahl vereint sind. Im Übrigen war das Innere dieser Grabanlagen nur anlässlich der Bestattungszeremonien zugänglich, sonst sorgfältig verschlossen. Die Verstorbenen wurden, mit einem Gewand versehen, auf den Steinbetten deponiert und mit einer dünnen Schicht von ungelöschtem Kalk bedeckt.
 
In spätetruskischer Zeit (4.-2. Jahrhundert v. Chr.) kommen neue Grabformen auf: Während die Bestattungskammer äußerst schlicht gehalten ist und nur noch zur Aufnahme einer großen Zahl von Beisetzungen dient, ist das Äußere des Grabes als haus- oder tempelartige Fassade gestaltet. Ein solches »Tempelgrab« besitzt einen Figurengiebel, Säulen und Vorhalle, in der vereinzelt sogar eine Totenprozession wiedergegeben ist. Dies sind Einflüsse einer aus dem Osten des Mittelmeerraumes stammenden Art des Heroenkultes, bei dem der Grabstifter göttliche Verehrung genoss. Demgegenüber hielten andere Familien, besonders in Cerveteri und Tarquinia, an der Tradition der unterirdischen, reich ausgestatteten Grabkammer fest. Ein einzigartiges Beispiel ist das »Grab der Reliefs«, in dessen Innerem zahlreiche Gegenstände und Geräte des häuslichen Bereichs in bemaltem Relief dargestellt sind: so an den Wänden oberhalb der Grabnischen ein Waffenfries von Helmen und Beinschienen, der die Wehrhaftigkeit der hier bestatteten Familie der Matuna illustriert, und an den Pfeilern Gerätschaften des Hauses und der Küche, die uns einen sonst kaum bekannten Aspekt der etruskischen Wohnkultur überliefern.
 
Somit verdanken wir der Sitte der Etrusker, das Innere der Gräber dem ihrer Wohnhäuser nachzubilden, eine genauere Kenntnis der damaligen Wohnverhältnisse. Dies ist umso bedeutsamer, weil Ausgrabungen in etruskischen Wohnsiedlungen bisher nur vereinzelt durchgeführt wurden und von den Hausbauten meist nur die steinernen Fundamente sowie die Tonziegel der Dächer erhalten sind. Immerhin lässt sich auf diese Weise, mithilfe der erhaltenen Hausreste und den Darstellungen in den Gräbern, die Entwicklung des Wohnhauses in Etrurien recht gut erschließen. So standen am Anfang Ovalhäuser von über zehn Meter Länge, deren tief herabgezogene Walmdächer mit Schilf abgedeckt waren. Gegen die Mitte des 7. Jahrhunderts v. Chr. setzte sich allgemein ein massiveres und größeres Rechteckhaus durch, das im Inneren durch Pfeiler oder Trennwände gegliedert war. Die revolutionäre Neuerung bildete jedoch die neu auftretende Bedachung mit Flach- und Hohlziegeln. Dieses Grundschema hatte Bestand, auch wenn sich Abwandlungen ergaben.Der Wunsch nach mehr Wohnkomfort führte im Verlauf des 6. Jahrhunderts v. Chr. zu einer Vergrößerung des etruskischen Hauses, das nun mehrere Wohnräume enthielt. Von einem die ganze Breite des Hauses einnehmenden Vorraum aus waren mehrere Kammern zugänglich, die als Schlafräume und Küche dienten. Zugleich lässt sich beobachten, dass das freistehende Einzelhaus aufgegeben wurde zugunsten seiner Einbindung in Häuserblocks. Dies war der Beginn einer systematischen Siedlungsstruktur, mit geradlinigen Straßen und Hausfassaden.
 
Wiederum sind es die Nekropolen, die dieses neue Raumkonzept anschaulich widerspiegeln, indem der Typus des isolierten Tumulus aufgegeben wurde und die neuen Grabformen sich dem Verlauf der nunmehr geradlinigen Gräberstraßen anpassten. Der erste Schritt war der Wechsel vom runden Tumulus zum quadratischen »Würfelgrab«, dem wenig später der Zusammenschluss mehrerer dieser Einzelgräber zu Gräberblocks folgte, die als einheitliche Fassade in Erscheinung traten. In den Nekropolen von Cerveteri ist diese Entwicklung gut nachvollziehbar, in Orvieto ist der Endzustand, eine reißbrettartig angelegte Gräberstadt mit rechtwinklig verlaufendem Straßennetz, konsequent durchgeführt. Wiederum ist die Nekropole das Spiegelbild von Baustrukturen, die zuvor im Wohnbereich entwickelt worden waren.
 
Die Zusammenfassung von Einzelhäusern in Häuserblocks brachte allerdings auch ein Problem mit sich, die Frage nach der Belichtung, wofür die Etrusker eine elegante und zukunftweisende Lösung fanden: das Atriumhaus. Durch die Umgruppierung bestimmter Räume um einen zentralen Hof konnte nicht nur das Fehlen von Außenfenstern kompensiert werden, sondern es ergab sich nun auch die Möglichkeit, die ziegelgedeckten Dachflächen nach innen, zum Hof hin auszurichten, um auf diese Weise das Regenwasser aufzufangen und in eine Zisterne im Hof abzuleiten, die dann als Wasserreservoir diente.
 
Derartige Hofhäuser mit offenen Atrien sind aus der nordetruskischen Kolonie Marzabotto erhalten, die uns um 500 v. Chr. das bisher früheste Beispiel einer planmäßig angelegten Stadt mit sich rechtwinklig schneidenden Straßen überliefert. Das vielräumige Atriumhaus mit Lichtöffnung war in der unterirdischen Grabarchitektur nur schwer darstellbar. So gibt das schon angesprochene »Grab der Reliefs« ein geschlossenes Dach wieder, wobei die Dachschrägen unorganisch auf Stützpfeilern aufruhen: Gemeint ist wohl ein offenes Atrium der Woharchitektur, bei dem die Enden der in den Hof vorkragenden Dachschrägen von Stützen aufgefangen werden. Ein weiterer Kompromiss zwischen der realen Architektur und ihrer Imitation im Grab betrifft die Grabnischen, in denen die führenden Mitglieder der Gens Matuta bestattet wurden. Ihre Lage an den Außenwänden des Grabes stimmt nicht zufällig überein mit der Anordnung der Schlafräume rund um das Atrium des Wohnhauses: Wie schon in den ältesten Gräbern des 7. Jahrhunderts v. Chr. sind die Verstorbenen in ihrem »Wohnhaus« bestattet. Die zu ihrem Wohlbefinden notwendigen Beigaben sind jetzt allerdings nicht mehr in natura im Grab deponiert, sondern bildlich dargestellt, was auf ein abstrakteres Verständnis der späten Etrusker gegenüber dem Totenritual schließen lässt.
 
Prof. Dr. Friedhelm Prayon
 
 
Die Etrusker. Kunst und Geschichte, bearbeitet von Maja Sprenger. Aufnahmen von Max und Albert Hirmer. München 1977.
 
Die Etrusker, Texte von Mauro Cristofani u. a. Sonderausgabe Stuttgart u. a. 1995.
 Pallottino, Massimo: Etruskologie. Geschichte und Kultur der Etrusker. Aus dem Italienischen von Stephan Steingräber. Basel u. a. 1988.
 Prayon, Friedhelm: Die Etrusker. Geschichte, Religion, Kunst. München 1996.
 Steingräber, Stephan: Etrurien. Städte, Heiligtümer, Nekropolen. München 1981.

Universal-Lexikon. 2012.

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